Im Gegensatz zur heutigen Zeit gehörte Geborenwerden und Sterben
vor hundert Jahren noch ganz selbstverständlich zum häuslichen Leben.
Die Tradition der Haustaufe
ist wohl verschwunden, seit es nach und nach in jeder Familie ein Auto
gab, um den Täufling
unabhängig vom Wetter warm und trocken zur Kirche zu bringen.
Früher gingen Frauen, die ein Kind geboren hatten, nicht eher aus
dem Haus, bis ihr Kind getauft war.
Bei der Haustaufe stand auf einem möglichst festlich
hergerichteten Tisch oder der Kommode die Taufschale. Die Familie
versammelte sich und der Pastor hielt Andacht, taufte das Kind und
sprach den Segen über das Kind.
In der Kinderlehre und im Konfirmandenunterricht
lag der Schwerpunkt auf dem Auswendiglernen von Bibel und
Liedtexten; den Katechismus musste jedes Kind sicher hersagen können.
Dieses Auswendiglernen ist für die Kinder, zusätzlich zu den
Schulaufgaben, nicht einfach gewesen, denn sie halfen alle früh
mit, den Lebensunterhalt ihrer Familie zu sichern. Zum Zeitpunkt der
Konfirmation waren viele schon "in Stellung", d.h.: sie
arbeiteten schon als Magd oder Knecht auf einem Bauernhof.
Lag ein Mensch im Sterben war seine Familie bei ihm, der
Pastor gab dem Sterbenden im Kreis der Familie das Abendmahl und
begleitete ihn mit Gebeten den letzten Schritt seines Lebensweges.
Der oder die Verstorbene lag aufgebahrt in der Stube seines
Heimes oder in der Kammer des
Trauerhauses. Spiegel und Fenster waren mit weißen Tüchern
verhangen, die Pendeluhr wurde angehalten. Nachbarn hatten beim
"Verkleeden" (das Waschen und Umziehen des Toten) geholfen und übernahmen auch in den Tagen
bis zur Beerdigung die dringendsten Arbeiten. Verwandte und Bekannte
erhielten Nachricht vom Tode und der Beerdigung durch
"Ansagen".
Am Tag vor der Beerdigung versammelten sich Verwandte und Nachbarn
noch einmal zum "Offdanken" um den offenen Sarg. Der
Pastor hielt eine Andacht; danach gingen alle hinaus, und der Sarg
wurde endgültig geschlossen. Die sechs Sargträger, dieser Dienst
war "Nachbarspflicht", trugen den Sarg zu einem
Ackerwagen. Die allernächsten Angehörigen fuhren mit auf
dem Wagen. Die übrige Trauergemeinde folgte zu Fuß. Vor dem
Fuhrwerk ging der Pastor, gefolgt von Konfirmandinnen,
die den Toten ,,versingen" musste. Der ganze Weg vom Trauerhaus
bis zum Grab wurde von Gesängen begleitet. Alle Menschen, die dem
Trauerzug begegneten, blieben stehen und beendeten ihre Gespräche, Männer zogen ihre Mütze, so
erwiesen sie dem verstorbenen Mitmenschen die letzte Ehre. Mühlenflügel wurden angehalten und zeigten das Kreuz. Im
Angesicht des Todes hielt das Leben für einen Augenblick den Atem
an.
Auf dem Friedhof hoben die sechs Träger den Sarg vom Wagen,
trugen ihn zum offenen Grab, ließen ihn hinunter und bedeckten ihn
mit Strohbunden. Bis die Trauernden den Friedhof verlassen
hatten, verschloß ein dachförmiges Gestell, bedeckt mit einem
schwarzen Tuch das offene Grab. Verwandte und Nachbarn geleiteten
die Trauerfamilie wieder nach Hause und wurden dort mit Tee und
Teekuchen bewirtet. Ganz still und unbemerkt ist viel von diesem trostvollen
Miteinander in unserer lauten und ruhelosen Zeit verschwunden. Von
vielen Pastoren bemängelt wird vor allem der mangelnde Respekt auf
den Friedhöfen - wenn Friedhofsbesucher weiter ihrer Beschäftigung
nachgehen oder ihre Gespräche führen während ein Leichenzug
vorübergeht.
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