Geschichte

Entwicklung
Die wichtigsten Familien
Ostfriesische Herrlichkeiten
Immer mehr Seeraub
Niedergang des Häuptlingswesen

 

Wie alles begann...:

Die Häuptlinge von Ostfriesland

Im Mittelalter waren die Friesen stolz darauf, ohne Anführer und "frei" zu leben. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts begannen reiche Grundbesitzer ihre Häuser in Stein zu bauen und mit Wall und Graben zu umgeben. Den Mitanwohnern gewährten sie gegen zunächst kleine Verbindlichkeiten Schutz. Als der Zustand der Regierungslosigkeit andauerte, zogen die Besitzer der Steinhäuser von Jahr zu Jahr mehr obrigkeitliche Gewalt an sich. Sie nannten sich Häuptlinge. In lateinischen Urkunden wurden sie als Capitanei, Capitales, Toparchae, Dynastae oder Domicelli bezeichnet. In älteren deutschen Dokumenten heißen sie Opstalling oder Hoetling. Statussymbole dieser Macht waren ab dem 13. Jahrhundert Steinhäuser (stins, als Vorläufer der späteren Häuptlingsburgen) sowie kleine Söldnerheere.

Bis 1300 konnte diese Ordnung trotz Rivalitäten der mächtigen Familien untereinander bestehen. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts führte eine Vielzahl von Krisen (Hungersnöte, mangelnder Absatzmarkt für Waren, Seuchen) zu einem Verlust der öffentlichen Ordnung. 1349/50 brach schließlich die Pest aus. Zudem brachen unter Sturmfluten die Deiche, wodurch bis dahin bewohnte Gebiete überflutet wurden: Es entstanden Ley- und Harlebucht sowie der Jadebusen. So entstanden kleinere „Bezirke“ wie Stadland und Butjadingen im Osten und Bant südwestlich des neu entstandenen Jadebusens.

Während die "freien Friesen“ mit den elementaren Fragen des Überlebens beschäftigt waren, leiteten die hovetlinge ihre Autorität nun nicht mehr vom Willen der Gemeinden ab, sondern verteidigten sie als "Besitz" und begannen die herrschende Schicht zu bilden. Ab Mitte des 14. Jahrhunderts wird der Titel „Häuptling“ üblich. Aus ihren anfangs bescheidenen Steinhäusern entwickelten sich nun Türme und Burgen. Auch steinerne Kirchen wurden als Herrschaftszentrum instrumentalisiert. Die Häuptlinge verstärkten damit ein weiteres Mal die Kluft zum gemeinen Bauern, der nun als undersaten, als Untertan, betrachtet wurde. Bald entwickelten sich unter den einzelnen Häuptlingsfamilien Fehden, die bis zu kriegerischen Auseinandersetzungen anwachsen sollten. 

Steuern wurden nicht erhoben, die hovetlinge finanzierten ihren Lebensunterhalt in erster Linie durch Seeraub.  Das Strandrecht garantierte den Häuptlingen die Erlaubnis, Strandgut in Besitz zu nehmen. Diesen Umstand  nutzen die Häuptlinge durch das gezielte Strandenlassen von Kauffahrern mittels falscher Leuchtfeuer. Weitere Einnahmequellen für die Häuptlinge bildeten bäuerliche Eigenwirtschaft sowie Verpachtung von Höfen und Ländereien, Teilhabe am Fernhandel und zunehmend auch der Verkauf ihrer Schutzgewalt an die undersaten.

Wer war hier der Boss?:

Die wichtigsten Häuptlingsfamilien:

Abdena (Emden)
Allena (Osterhusen)
Beninga (Grimersum)
Kankena (Wittmund)
Papinga (Jever)
Attena (Dornum)
tom Brok (Broke bei Engerhafe)
Ukena (Neermoor)
Cirksena (Greetsiel)
Wiemken (Rüstringen/Bant)

Damit sind keine Kekse gemeint:

Ostfriesische Herrlichkeiten

Vom ostfriesischen Grafenhaus unabhängiges Gebiet, dessen "Herrscher" eine Reihe von Sonderrechten besaß. In Ostfriesland gab es zur  Grafenzeit zehn Herrlichkeiten, nämlich sechs adelige Herrschaften:

Dornum, 
Gödens, 
Jennelt, 
Lütetsburg, 
Petkum und 
Rysum, 

die drei Emder Herrlichkeiten:

Up- und Wolthusen,
Borssum,
Jarssum und Oldersum

das Lehngut Loga oder die Herrlichkeit Evenburg.

Störtebecker und Co. 

Immer mehr Seeraub

Im Jahr 1398 wurden die von der Ostseeinsel Gotland vertriebenen Seeräuber Vitalienbrüder von allen Parteien als Truppen in den Kämpfen eingesetzt. Sie machten Beute auf eigene Rechnung und verlangten keinen Sold und keine Verpflegung. Die Häuptlinge dagegen boten ihnen einen sicheren Unterschlupf vor Verfolgung sowie einen Absatzmarkt für gekaperte Waren. Edo Wiemken, der Häuptling der Rüstringer Friesen sowie über Bant und Wangerland, tat sich besonders als Gastgeber der Vitalienbrüder hervor.

Der nun immens ansteigende Seeraub in der südlichen Nordsee schädigte die Schifffahrt der Hanse, besonders der Städte Hamburg und Bremen. Folge: Die Hanse rüstet gegen die Ostfriesischen Häuptlinge.

Die erste Strafexpedition der Hanse richtete sich besonders gegen Edo Wiemken. Er musste 1398 den Vitalienbrüdern seinen Schutz entziehen und sie aus seinem Gebiet weisen. 
1400 wurde von der Hanse die Entsendung von elf bewaffneten Koggen mit 950 Mann in die Nordsee beschlossen, worauf Keno II. tom Brok sich umgehend für die Beherbergung der Vitalienbrüder entschuldigte und ebenfalls ihre sofortige Entlassung versprach.

Doch der Verzicht einer Häuptlingsfamilie auf die Seeräuber hatte stets zur Folge, dass die jeweiligen Konkurrenten die Seeräuber an sich zogen. Eine „Rüstungsspirale“ hatte sich gebildet. Die Hanseflotte ging mit Kurs auf Ostfriesland in See, traf auf der Osterems auf von Folkmar Allena beherbergte Vitalienbrüder und besiegte sie. 80 Seeräuber kamen zu Tode, 34 wurden später hingerichtet. Am 23. Mai bestätigten alle Häuptlinge und Gemeinden Ostfrieslands, nie wieder Vitalienbrüder aufzunehmen. 

Die bewaffnete Präsenz der Hanse schaffte die Häuptlingskonflikte nicht aus der Welt.  1408 führte die Hanse eine weitere bewaffnete Expedition gegen die Häuptlinge der Friesen. Keno II. tom Brok suchte das Bündnis mit den Hansestädten und vertrieb Hisko Abdena aus Emden, verstarb aber frühzeitig. Unter der Herrschaft seines Sohnes, Ocko II. verlor die Familie an Bedeutung.

Alles hat ein Ende...:

Niedergang des Häuptlingswesens

Zu Beginn des 15. Jahrhundertsschlug den Häuptlingen zunehmend Widerstand aus der bäuerlichen Schicht entgegen.
Gegen Focko Ukena, mittlerweile mächtigster Häuptling in Ostfriesland, verbündete sich eine Gruppe von Häuptlingen und Landgemeinden unter Führung des Greetsielers Edzard Cirksena. Er wurde besiegt und vertrieben, starb 1436 im Groningerland.

Mit dem Aufstieg der Cirksena endete die Häuptlingsherrschaft in Ostfriesland. 1464 wurde Ulrich Cirksena von Kaiser Friedrich III.  in den Stand eines Reichsgrafen erhoben und Ostfriesland als Reichsgrafschaft zu Lehen gegeben. 

Quellen: Frisia Orientalis von Dettmar Coldewey, Lohse Eising-Verlag, Wilhelmshaven; wikipedia.org