Die Vorfahren von Anna Philippina Rocker

 

 

 

 

 

Eine Auswanderung nach Amerika, die dann von Rheinland-Pfalz aus  über den Niederrhein (Nordrhein-Westfalen) nach Ostfriesland führte...

notiert von Doris Reuter

Zwischen den ostfriesischen Vorfahren meines Mannes gab es eine Frau namens Anna Philippina Rocker. Dieser Name konnte nicht ostfriesisch sein. Doch woher stammte ihre Familie? 

Es war ein reiner Zufall, dass ich über diese Frau mit einem Forscherkollegen sprach und dass dieser sofort wusste, zu welcher Familie sie gehören muss.  Er gab mir die entscheidenden Hinweise, wo ich Näheres finden müsste und stellte mir später seine eigenen Forschungsergebnisse zur Verfügung. Es passte alles zusammen. Ich verdanke ihm eine sehr spannende Familiengeschichte, die ich selbst in dieser umfassenden Form nie alleine herausbekommen hätte. Hierzu waren mir die Forschungsmöglichkeiten der südlichen Gegend zu fremd.

  Die Geschichte beginnt um 1665, als in Waldböckelsheim, Rheinhessen, Rheinland-Pfalz Hans Adam Hans als Sohn des Kuhhirten Lambert Hans und Anna Margaretha Eckstein geboren wurde.

Hans wurde zwar ev.-reformiert getauft, aber von seinen katholischen Eltern katholisch erzogen. Es war eine Zeit, in der es lebenswichtig war, derselben Religion wie der Landesherr anzugehören, da man ansonsten erheblichen wirtschaftlichen und gar körperlichen Repressalien ausgesetzt war.

Disibodenberger Hof Am 23.1.1690 heiratete er in der katholischen Kirche Meisenheim die ev.-reformierte Anna Margaretha Eckstein. Diese Heirat bestimmte seinen weiteren Werdegang, denn sein Schwiegervater Hans Georg Eckstein war seit 1675 Pächter des Disibodenberger Hofes bei Odernheim an der Glan. Hans zog zu seiner jungen Frau und half seinem Schwiegervater, den Hof zu bewirtschaften. Die ersten vier Kinder wurden im benachbarten Meisenheim katholisch getauft. Die folgenden drei Kinder werden auf dem Disibodenberger Hof geboren und in Odernheim ev.-reformiert getauft. 1702 stirbt Hans Georg Eckstein. Die Witwe bewirtschaftet die Witwe mit Hilfe ihrer Kinder den Hof weiter, aber 1704 läuft der Pachtvertrag aus und wird von einem anderen Pächter übernommen. So muss sich auch Hans Adam Hans mit Frau und seinen sieben Kindern eine neue Bleibe suchen. Er hatte Glück und wurde Hofmann auf dem Koppensteiner Gut bei Mandel.

Im Jahre 1708 wurden dann die Zwillinge Johann Georg und Johannes geboren. Diese Kinder ließ die Familie ev.-lutherisch taufen, und so gab es nun alle drei großen Konfessionen unter dem Dach der Familie Hans.

Ein Schatzungsregister von 1714 beweist, dass Hans neben seiner Zeit als Mitpächter auf dem Disibodenberger Hof auch eigenes Eigentum angeschafft hatte. Schon seit 1706 besaß er zum Beispiel einen Weingarten am Südhang des Langenberges.

In einem aktenkundigen Verfahren 1715 musste Hans Adam Hans als Zeuge seinem Freiherren Johann Ludwig von Koppenstein bescheinigen, dass dieser seine Religion als Katholik nicht angetastet habe. Da Hans aber wirtschaftlich von seinem Herrn abhängig war, wird er sich wohl gehütet haben, die Wahrheit zu sagen. Bei dieser Zeugenaussage der Katholiken erfährt man, dass Hans Adam Hans „bey 56 Jahre" sei. Auch war er kein Bürger von Mandel geworden, sondern lediglich Beisasse. Er hatte also scheinbar das Odernheimer Bürgerrecht trotz Umzug behalten. Außerdem erfahren wir, dass er des Schreibens "Ohnerfahren" war. Er setzte seine Hausmarke unter das Schriftstück ein H.

Hans Adam Hans starb 1722 in Mandel, seine Witwe überlebte ihn um 20 Jahre. Ein Jahr vor ihrem Tod begann die Geschichte, deren Ausgang sie vielleicht niemals erfahren hat.

Ihr drittältestes Kind, der katholische Johann Heinrich Hans, hatte den Beruf des Siebmachers gelernt. Seit 1717 war er mit Anna Margaretha Bockenhauer, einer Lutheranerin verheiratet. Die neun Kinder wurden ev.-luth. getauft. Doch die ersten drei Kinder findet man auch im ev.-reformierten Kirchenbuch der Gemeinde Sponheim.

Die ersten Kinder kamen ins heiratsfähige Alter als die Familie von Zukunftssorgen gedrückt wurde. Die religiöse Unterdrückung stellte eine kaum noch zumutbare Belastung dar. Außerdem schien es für die Söhne kaum Möglichkeiten für eine sichere Zukunft zu geben. Überbevölkerung, Besitzzersplitterung auf Grund der Realteilung, Missernten und überhöhte Belastungen vom Staat,...all das zusammen mag den Anlass geboten haben. Johann Heinrich Hans verkaufte all seinen Besitz, verabschiedete sich von Mutter, Verwandten und Freunden um im Mai 1741 nach Pennsylvania auszuwandern. Der Abschied würde ein endgültiger sein, denn ein Auswanderer gab mit der Entlassung aus der Leibeigenschaft oder der Aufgabe des Bürgerrechtes nicht nur seine Pflichten auf, sondern verlor auch alle Rechte, die man nicht so einfach wieder in Anspruch nehmen konnte.

Die Familie verließ mit anderen Auswanderungswilligen Rheinhessen per Schiff. Doch durch den Seekrieg zwischen England und Spanien waren die Auswanderer stark eingeschränkt. Die Familie Hans kam mit ihrer Auswanderergruppe bis nach Schenkenschanz an der holländischen Grenze. Dort musste sie ihren Plan, in die USA zu gehen aufgeben. Je nach Quelle werden hierfür andere Gründe genannt. Nach einer Quelle verweigerten die Holländer die Durchreise nach Rotterdam, von wo aus man nach Amerika weiterreisen wollten, nach einer anderen nahmen ihnen in Holland betrügerische Agenten das letzte Geld ab.

Die Auswanderergruppe verließ das Schiff und hauste in Erdlöchern und kleinen Hütten. Dann fiel die Gruppe auseinander. Ein Teil der Gruppe brachte Geld genug auf, um die überzogenen Geldforderungen für eine Weiterreise in die USA doch noch zu zahlen. Eine andere Gruppe wollte nach Osten wandern und von ihr fehlt heute jede Spur. Ein dritter Teil ging zurück in die alte Heimat, wo sie mittellos und bettelarm ankam. Am 23.August 1741 beantragte Johann Heinrich Hans beim Magistrat der Stadt Goch die Zuteilung von 20 Morgen Land auf der Gocher Heide (Nordrhein-Westfalen) und gehörte somit zu der Gruppe, die sich entschlossen hatte zu bleiben, wo sie war.

 

Man wundert sich, dass er und vier weitere Kolonisten die Hoffnung hegen konnten, die Pacht für so viel Land aufbringen zu können. Denn schließlich hatte sie gerade erst ihre Auswanderung nach Amerika aus finanziellen Gründen aufgeben müssen. Aber zurück konnte man nicht mehr und vielleicht sah Johann Heinrich trotz aller Schwierigkeiten doch optimistisch in die Zukunft. Er konnte sich seinen Lebensunterhalt nicht nur mit Ackerbau und Viehzucht, sondern auch mit seinem erlernten Beruf als Siebmacher verdienen. Fünf seiner Kinder waren im erwerbsfähigen Alter und würden mitarbeiten. Er hatte den Mut des Verzweifelten, der weder vor (nach Amerika) noch zurück konnte.

Quelle: Internet

Am 2.9.1741, noch lagen die Kolonisten in der Gegend von Keeken, beantragte Johann Heinrich Hans zum Bau eines Hauses auf der Gocher Heide 46 Holzstämme, 3000 Steine und 3 Malter Kalk. Zu diesem Zeitpunkt besaß er nur noch 80 Reichstaler. Zwei der anderen Kolonisten hatten noch je 200 RT zur Verfügung und standen wesentlich besser da. Am 14.10.1741 begannen die Landzuweisungen auf der Gocher Heide.

Fern von ihm starb im Juni 1742 Johanns Mutter. Man mag darüber nachdenken, ob sie je erfuhr, wo ihr Sohn seine neue Heimat gefunden hatte und wann ihr Sohn von ihrem Tod erfuhr.

Mit seinen 46 Jahren war Hans der älteste und erfahrenere der Kolonisten. Trotzdem war er nie Wortführer der Pfälzer bei den Verhandlungen mit dem Magistrat zu Goch, der Kriegs- und Domainenkammer in Kleve oder am preußischen Königshof in Berlin. Vielleicht war er einfach nur ein zurückhaltender Mann, der das Reden gerne anderen überließ. Vielleicht war aber auch seine katholische Religion der Grund, die ihn hier in dieser Gegend zu einem Außenseiter machte.

Eine Heidegrundzuweisung an Johann Heinrich Hans vom 20.8.1742 war recht bescheiden, aber mit 2 Morgen und 37 Ruten immer noch größer als die aller anderen Kolonisten der ersten Stunde. Es begann nun die Urbarmachung der Gocher Heide, die von erheblichen Anfangsschwierigkeiten geprägt war. 1742 und 1743 gab es mehrmalige Ausweisungsanordnungen wegen fehlender Barschaft. Das erhalten gebliebene Protocoll-Buch der Stadt Goch erzählt von den finanziellen Sorgen der einzelnen Familienmitglieder, die sich immer wieder größere Summen Geldes leihen und ihr ganzes Hab und Gut als Pfand angeben mussten. So manches Mal musste sich Johann Heinrich mit seinem Eigentum auch noch für seine Kinder verbürgen.

Zwei der Kolonisten wandten sich in dieser schweren Zeit mit einer Bittschrift an Friedrich II, König von Preußen. Am 30.4.1743 erließ er den Befehl an die Stadt Goch und an die Klever Regierung, dass er die Ansiedelung der Pfälzer Kolonisten genehmige und die Stellen anwies, diese bei ihrem Vorhaben zu unterstützen.

In den darauf folgenden Jahren gelang es der Familie, den Besitz beträchtlich zu vermehren. Nach den ersten schweren Jahren kamen immer mehr Kolonisten aus der Pfalz dazu.

Bereits 1741 wurde der erste Schulunterricht abgehalten, 1745 die erste Schule eröffnet, 1748 ein Friedhof für alle Konfessionen eingeweiht.

So entstand die Siedlung Pfalzdorf am Niederrhein, die 1749 offiziell ihren Namen bekam.

In den Jahren 1751/ 1752 bekam Pfalzdorf einen ev.-reformierten und einen lutherischen Pfarrer. 1775 entstand die reformierte Kirche, und 1779 die lutherische und somit gab es nun auch getrennte Friedhöfe um die jeweiligen Kirchen herum. (Nachdem die beiden Kirchengemeinden der Union beigetreten waren, nannten sich die Lutheraner Ev. Ostgemeinde und die Reformierten Ev. Westgemeinde)

 

Lutherische Kirche Pfalzdorf

 

 

 

 

Reformierte Kirche Pfalzdorf

1772 starb Anna Margaretha, und wurde ihrem Glauben entsprechend lutherisch beigesetzt. Hans, der Pfalzdorfgründer, starb 1775 und wurde evangelisch- reformiert bestattet. Er dürfte zu den letzten zählen, die noch auf dem alten gemeinsamen Friedhof bestattet wurden. Erst 1804 entstand in Pfalzdorf eine kleine katholische Gemeinde.

Die Pfälzer Kolonisten am Niederrhein bildeten verständlicherweise eine Bevölkerungsinsel am Niederrhein, denn sie waren hier sowohl von ihrer Mundart, ihrer Religion und ihrer ursprünglichen Heimat her „anders" . Im Schweiße ihres Angesichts erschufen sie während einer Zeit größter Entbehrungen ein fruchtbares Land mit stattlichen Höfen. Viele Jahrzehnte über lebten sie zurückhaltend den Einheimischen gegenüber und blieben am liebsten unter sich. Die Pfälzer Mundart blieb bis heute dort erhalten.

Eine Enkelin des Pfalzdorfgründers, Maria Margaretha Hans, 1751 in Kleve geboren, heiratete 1772 in Pfalzdorf am Niederrhein Johann Peter Rocker aus Eichloch, dem heutigen Rommersheim bei Alzey.

Der älteste Sohn des Paares, Johann Philipp Rocker wurde nach dem lutherischen Taufbuch am 6.April 1773 in Pfalzdorf am Niederrhein (Nordrhein-Westfalen) geboren. Er war der älteste Sohn von Johann Peter Rocker aus Eichloch (heute Rommersheim bei Alzey) und Maria Margaretha Hans. Dieser heiratete 1792 die ev.-reformierte Anna Catharina Friederica Schreiber. 

Das Ehepaar gründete schon bald eine Familie. Die ersten drei Kinder wurden ev.-reformiert, dem Glauben der Mutter getauft. Im September 1801 kam der erste Sohn zur Welt. Er wurde ev.-lutherisch getauft.

In dem kleinen Ort Pfalzdorf auf der Gocher Heide am Niederrhein war es mittlerweile eng geworden. Zu dieser Zeit lebten hier bereits 100 Pfälzer Familien mit 568 Personen und aus Landmangel setzte unter den nachwachsenden Generationen bereits eine Auswanderungswelle ein. 1777 hatten einige Pfalzdorfer bereits die Heimat in Richtung Norddeutschland, Amerika und anderswo verlassen, um sich erneut eine neue Heimat zu suchen. Eine weitere Auswandererwelle wurde in Gang gesetzt, als 1789 französische Truppen die Gegend besetzten. 

Am 21.7.1821 wurde eine Parzelle von 5 holländischen Morgen in Louisendorf, einem neu gegründeten Kolonistendorf in der Gocher Heide, nach heutiger Bezeichnung Mühlenweg 65, bei einer Verlosung Johann Philipp Rocker zugesprochen. Doch weder er, noch ein anderes Mitglied seiner Familie haben dieses Land je in Anspruch genommen. Die Familie hatte die Gegend längst verlassen.

Man kann heute nur Vermutungen darüber anstellen, was die kleine Familie schließlich bewogen haben mag, alle Zelte hinter sich abzubrechen.

Unmittelbar nach der Geburt seines vierten Kindes verkaufte Johann Philipp sein gesamtes Hab und Gut und schloss sich einer Auswanderergruppe an. Von der preußischen Regierung wurde den Flüchtlingen in der Nähe von Hesel Siedlungsland zur Verfügung gestellt, das sie aber wieder aufgaben, weil es unfruchtbar war.  Auf ihr Gesuch hin wies man ihnen Land in der Nähe von Aurich zu. Hier gründeten die Nachkommen der Pfälzer Auswanderer die Siedlung Plaggenburg.

Die ersten Jahre waren entbehrungsreich, getreu der alten Kolonistenweisheit: "Den Ersten der Tod - den Zweiten die Not - den Dritten das Brot". Weitere Siedler aus der Pfalz zogen zu. 1803 kam eine ganze Gruppe vom Niederrhein, die den Ort Pfalzdorf gründete. 1830 schließlich besiedelten Kinder aus den beiden vorhandenen Kolonien eine dritte Kolonie: Dietrichsfeld.

Lange gehörten die drei Dörfer kirchlich zur Lambertikirche Aurich. 1904 gelang es, eine eigene Kirche und einen Friedhof zu errichten und später eine selbständige Kirchengemeinde zu werden. Heute pflegt die Kirchengemeinde die gemeinsame Geschichte der drei Dörfer. Ebenso wie verschiedene Ortsvereine hat auch sie Kontakte zu den Pfälzern am Niederrhein. 

Im Ort gibt es immer noch Familien, die sich auf Pfälzer zurückführen: Wendeling, Friedrichs, Götz, Reis (Reuß), Rocker, Sendemer.

Die Enkelin des ostfriesischen Pfalzdorf-Gründers war Anna Philippina Rocker.

 Die Vorfahren dieser Region im Detail

 

 

 

 

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 Stand: 08. Januar 2007

 

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